Sarah Eppacher und Stefan Ager über Content Creation im Corona-Kontext: “Es zahlt sich aus, jetzt Risiken einzugehen”

Derzeit keine Option: Berg-Content wie dieser, den die beiden für das gemeinsame Label Nordkette Jewellery erstellt haben.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Content Creation, Werbe-Kooperationen und Sponsorings? Wie verändert sie die Arbeitsweise und Auftragslage von Influencern? Diese Fragen standen in den vergangenen Tagen häufig im Raum. Deshalb haben wir sie zweien gestellt, die es wissen müssen.

Sarah Eppacher, die neben einer Social Media-Agentur auch einen eigenen Blog und diverse Social Media-Accounts betreibt, und Stefan Ager, Inhaber einer Filmproduktionsfirma und Extremskier mit Sponsorpartnern wie Vaude, Atomic und GoPro, sprechen im Interview mit der TextilWirtschaft über die negativen Auswirkungen der Krise − aber auch die Chancen, die daraus entstehen.

TextilWirtschaft: Wie macht sich die Corona-Krise in Ihrem Beruf bemerkbar? Hat sie auch Auswirkungen auf Werbeverträge?
Sarah Eppacher: Das kommt ganz auf die Produkte an, da gibt es starke Unterschiede. Während meine Beauty-Verträge unverändert weiterlaufen, macht sich das bei den übrigen Kooperationen eher bemerkbar. Das liegt auch daran, dass ich die meisten davon im Outdoor- und Reise-Bereich habe – die durch die Ausgangssperren natürlich auf Eis liegen. Zum Beispiel werbe ich für einen hiesigen Verkehrsbetrieb. Da man sich aber nicht mehr als einen Kilometer von seinem Zuhause entfernen darf, kann ich nun natürlich nicht mehr für den Transport der Öffentlichen Verkehrsmittel hin zu Wander- oder Skitour-Spots werben. In meiner Social Media-Agentur, in der ich andere Unternehmen berate, wurden bislang aber noch keine Aufträge storniert.
Stefan Ager: In der Produktionsfirma, die ich gemeinsam mit einem Partner betreibe, erstellen wir neben Werbeclips vor allem Eigenproduktionen für Fernsehsender – wie die „Bergwelten“-Doku für Servus TV. Für diese werden wir als Ganzjahresathleten gesponsert. Diese Verträge laufen weiter und wurden maximal pausiert oder aufgeschoben, nicht aber gecancelt. Die Produktion im Gesamten liegt aber erst einmal still, da wir zu 90% in den Bergen drehen. Im Hinblick auf die anstehenden Filmprojekte schätze ich, dass wir leider so lange in Quarantäne sein werden, bis der Schnee geschmolzen ist. Wir hatten zum Beispiel einen Dreh in Slowenien geplant, der nun auf nächstes Jahr verschoben wurde. Letztlich wird man viele der Auswirkungen erst später einsehen können, da wir erst am Anfang der Krise stehen. Und da viele Werbebudgets derzeit heruntergefahren werden, wird es vermutlich auch etwas dauern, bis sich die Situation wieder entspannt.

Kommen vermehrt Content-Anfragen für Sport, der in den eigenen vier Wänden praktiziert werden kann?
Ager: Ja. Und wir versuchen, auch von Zuhause aus weiter kreativen Content zu generieren, der die Kooperationspartner einschließt. Jetzt, wo ich nicht wie gewohnt am Berg zelten kann, habe ich zum Beispiel das Vaude-Zelt einfach auf unserem Dach aufgeschlagen und den Sonnenaufgang mal von dort aus mit der GoPro-Kamera gefilmt. Und die Partner rufen auf ihren eigenen Kanälen, zum Beispiel unter der #homeprochallenge, ja auch dazu auf, Sport zuhause zu machen und sich dabei zu zeigen.

Das Bivouac auf dem Dach: Stefan Ager auf Instagram

Wie verändert sich Online-Content in diesen Zeiten?
Eppacher:
Alles, was aufwendig produziert werden muss, ist derzeit schlichtweg nicht möglich. Marketing- und Freelancing-Budgets werden gekappt oder drastisch heruntergefahren, deshalb ist verstärkt Low Budget-Content mit guter Idee gefragt. Die Accounts, die ihren Content jetzt auf kluge Weise in die eigenen vier Wände verlegen, gehören zu den Gewinnern. Und die schaffen es auch, weiter Umsätze damit zu generieren.
Ager: Ich habe den Eindruck, dass Marketing-Content nun nachhaltiger gedacht, also so entwickelt wird, dass er für eine größere Auswahl an Kanälen und über längere Zeit einsetzbar ist. Und so öffnen sich auch neue Perspektiven: Wir schreiben zum Beispiel gerade mit unserer Produktionsfirma an Konzepten für die Zeit nach Corona und besonders günstigen Werbedrehs. Sarah und ich sprechen auch schon seit über einem Jahr darüber, einen Podcast aufnehmen zu wollen. Jetzt ist die ideale Zeit, um das voranzutreiben. Aber auch, um kreative Ideen zu entwickeln oder neue Skills zu erlernen – wie Filme schneiden. Klar stellt das Alles einen vor Herausforderungen, aber so wird man dazu gezwungen, neue Mittel und Wege für Bekanntes zu finden und sich letztlich weiterzuentwickeln.

Also birgt die Situation auch Chancen?
Eppacher:
Absolut. Ich glaube, dass viele Unternehmen sich jetzt stärker nach dem Sinn ihrer Accounts fragen. Vorher standen bei den Profilen vieler stationärer Händlern vor allem messbare Erfolge wie Kundenfrequenz oder Abverkaufsquoten im Vordergrund. Die aktuelle Situation gibt dem Handel die Möglichkeit, umzudenken, sich softere Ziele zu setzen und langfristig imagetechnisch neu zu positionieren. Das sieht man zum Beispiel an konservativeren Unternehmen, die sich nun mehr trauen und zum Beispiel an TikTok versuchen. Das funktioniert aber nur, wenn sie schnell und überlegt reagieren. Wenn ich jetzt erst einmal lange an einem Konzept schreibe, kann das schwierig werden. Kurz gesagt zahlt es sich also aus, jetzt mutig zu sein, Risiken einzugehen und sich auch mal mit Themen auseinanderzusetzen, die man früher eher gemieden hat.
Ager: Dadurch, dass gerade alle viel Zuhause Online sind, kann man die Follower momentan sehr easy erreichen. Wir haben zum Beispiel vor kurzem mit den täglichen #quaronachallenges begonnen und die Reaktionen darauf sind bereits sehr gut.

About

Sarah Eppacher ist Inhaberin einer Social-Media-Agentur und Micro-Influencerin. Unter „Liebreizend” bespielt sie neben einem Blog auch Social Media-Accounts auf Instagram, Facebook, TikTok und Pinterest mit Themen aus dem Reise-, Outdoor- und Lifestyle-Bereich. Außerdem unterrichtet sie am WIFI Innsbruck Kurse zum Thema Influencermarketing. Zu ihren Kooperationspartnern zählen aktuell u.a. Nivea und die Innsbrucker Verkehrsbetriebe. 

Stefan Ager ist Extremskier und Mit-Inhaber einer Produktionsfirma, die neben dem Drehen von Bergsport-Filmen und Werbeclips auch die Organisation für externe Produktionen übernimmt. Ager hat Sponsoring-Verträge mit Vaude, Atomic, GoPro und Red Bull.

Beide haben gemeinsam das Made in Austria-Schmucklabel Nordkette Jewellery gegründet.

Was hat es mit diesen Challenges auf sich?
Eppacher: Das hat sich durch Zufall ergeben. Befreundete Content-Creator haben bei Challenges mitgemacht, die sie auf TikTok gesehen haben, zum Beispiel dem Lernen bestimmter Tanz-Choreographien. Darauf haben wir wiederum mit dem Absolvieren der gleichen Challenges reagiert und fordern uns seitdem im Wechsel heraus. Der Name hat sich einfach aus den Worten Quarantäne und Corona ergeben. Da der Hashtag zu dem Zeitpunkt noch nicht in Benutzung war, haben wir die Challenges danach benannt und als feste Kategorie etabliert.

Nutzen Sie nun verstärkt TikTok? Es macht den Anschein, als würde die Plattform durch die Quarantäne von vielen neuen Anmeldungen profitieren.
Eppacher:
Ich habe seit Sommer 2019 ein TikTok-Profil. Dort hatte ich auf ein einfaches Behind the Scenes-Video, bei dem man sieht, wie Stefan mich beim Yoga machen auf einer Brüstung fotografiert, auf einmal 1,1 Mio. Zugriffe und mittlerweile 9000 Follower. Ähnlich viele wie auf Instagram – mit dem Unterschied, dass ich dort seit Jahren aktiv bin.

Stichwort Instagram: Ist das Community-Engagement dort höher oder niedriger als zuvor?
Eppacher:
Ich habe derzeit ein so gutes Engagement wie ewig nicht mehr. Die Story-Views sind viel höher, da die Leute alle daheim sind und zuschauen. Ich kann also auch auf Instagram seit Langem mal wieder ein stetiges, gutes Wachstum verzeichnen. Das wird, neben der Quarona-Challenge, auch durch Services begünstigt, die ich biete. Zum Beispiel habe ich kürzlich ein Bingo-Sheet erstellt mit Beschäftigungstipps für Zuhause. Das wurde extrem gut angenommen und vielfach geteilt. Solche Services will ich in Zukunft auch verstärkt anbieten. Auf meinem Blog, der eher Outdoor- und Reisecontent beinhaltet, merke ich hingegen einen Einbruch.
Ager: Ich mache weniger auf Instagram als Sarah und wachse eher indirekt durch ihre Aktivitäten und meine Verlinkungen darauf. Ich merke aber derzeit auch einen Zuwachs an Interaktionen und Followern.

Zwischen #quaronachallenge und Yoga: Sarah Eppacher auf Instagram

Haben Sie Beispiele für Accounts, die unter diesen veränderten Rahmenbedingungen guten Content produzieren?
Eppacher:
Base Five zum Beispiel, eine Trainingslocation in Innsbruck, hat seit Beginn der Krise täglich Online Workout-Kurse auf Zoom und Skype angeboten. Mittlerweile nehmen so viele teil, dass sie die Kurse jetzt sogar gegen eine Gebühr abhalten. Pamela Reif hat direkt reagiert und einen Workoutplan für ihre Follower erstellt, auch Yogatrainerin Anna Posch bietet Home-Workouts an. Bei beiden macht sich das durch deutliche Followerzuwächse bemerkbar. Ich denke, das gilt für fast alle Accounts, die Home-Workouts, Yoga oder Meditation anbieten. Wenn man um 17, 18 Uhr online geht, sieht man ja immer jede Menge solcher Live-Videos.

Sorgt die aktuelle Situation bei Ihnen für Existenzängste?
Eppacher:
Nein, durch unsere Agentur und Produktionsfirma sind wir jeweils etwas breiter aufgestellt. Während im Alltag mehrere Einkommensquellen und ein hohes Arbeitsaufkommen herausfordernd sein können, ist es jetzt durchaus von Vorteil, um Veränderungen in der Auftragslage auffangen können. Letztlich sind wir aber in einer privilegierten Situation, da wir viel Online-Content produzieren und hier Mittel und Wege finden können, trotzdem weiter zu arbeiten.
Sie betreiben mit Nordkette Jewellery auch ein Schmucklabel und dazugehörig einen Online-Shop. Wird hier weiter bestellt?
Ager: Auch, wenn wir vor allem lokal über stationäre Händler verkauft werden, merkt man: Sobald wir verlinkt werden, trudeln wieder neue Bestellungen ein. Die verschicken wir nach wie vor per Post.

Wie blicken Sie auf die Zeit nach der Krise?
Eppacher:
Ich denke, dass wir viel mitnehmen können aus dieser Zeit. Zum einen in Form des Wissens, das wir in der aktuellen Situation generieren und dann später an Agenturkunden oder Kursteilnehmer weitergeben können. Und auch, wenn ich noch keine TikTok-spezifischen Kooperationen habe – wenn der Kanal nun durch die Challenges wächst, kann man dort später ansetzen. Auch die Tatsache, dass dieses „immer höher weiter“-Denken in der Content-Erstellung gerade etwas nachlässt, ist sehr zu begrüßen – und hält hoffentlich auch künftig an.